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Chronische Schmerzen: Welche Rolle spielt unsere Psyche?


Bild: Christin Klose/dpa-tmn

Chronische Schmerzen sind in vielen Fällen mehr als ein rein körperbezogenes Phänomen. Auch die Psyche spielt eine Rolle: Gedanken, Emotionen, Verhalten und Stress, aber auch biografische Erfahrungen können beeinflussen, wie Schmerzen entstehen, anhalten oder gelindert werden können.

Was hat die Psyche mit Schmerzerleben zu tun? Und wie kann man mit diesem Wissen den Alltag besser gestalten? Zwei Expertinnen aus dem Präsidium der Deutschen Schmerzgesellschaft beantworten zentrale Fragen.

Was unterscheidet akuten Schmerz von chronischem Schmerz? 

Akuter Schmerz ist ein in der Regel zeitlich begrenztes Warnsignal des Körpers. Es ist ein Hinweis auf eine Verletzung oder eine Entzündung. Der akute Schmerz klingt ab, sobald die Verletzung oder Entzündung geheilt ist. «Ein Schmerz ist dagegen chronisch, wenn er fortdauernd länger als drei Monate besteht», sagt Ulrike Kaiser, Psychologische Psychotherapeutin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck.

Während bei einem akuten Schmerz die Ursache klar erkennbar ist - also etwa eine Verletzung oder eine Entzündung - ist sie bei chronischem Schmerz meist komplex, vor allem, weil häufig ursprünglich keine Verletzung vorhanden war. «Bei chronischem Schmerz ist der Schmerz selbst die Krankheit», sagt Prof. Christiane Hermann, Leiterin der Abteilung Klinische Psychologie & Psychotherapie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Wie verarbeitet das Gehirn Schmerzsignale? 

Vereinfacht ausgedrückt läuft die Verarbeitung etwa so ab: Bei einer Verletzung oder Entzündung melden spezielle Nervenenden in Muskeln, Organen oder Haut Signale. Diese Signale gelangen über das Rückenmark als elektrische Impulse ins Gehirn, das sie verarbeitet. «Das Gehirn bewertet die Signale aktiv und gleicht sie mit Vorerfahrungen, Erwartungen und Emotionen ab», so Hermann.

Erst dann legt sich das Gehirn fest, ob und wie stark man einen Schmerz empfindet. Dabei gilt häufig: «Je eher jemand in guter Stimmung ist, desto weniger ist das Schmerzempfinden und bei schlechter Stimmung ist das Schmerzempfinden oft größer», so Hermann.

Es kann auch sein, dass ein Schmerz aufgrund eines anderen Ereignisses, das das Gehirn als wichtiger bewertet, völlig in den Hintergrund gerät. Ulrike Kaiser nennt ein Beispiel: Ein Mann ist barfuß unterwegs und tritt auf einen Nagel. Den höllischen Schmerz vergisst er, weil sich vor ihm unerwartet ein Tsunami aufbaut und er alles dran setzt, um sich in Sicherheit zu bringen.

Welche psychischen Faktoren können Schmerz beeinflussen?

Unsere Gedanken, Stimmungen oder Gefühle beeinflussen unter Umständen stark, wie wir Schmerzen wahrnehmen und bewältigen. Dabei können folgende Faktoren eine Rolle spielen:

  • Stress: «Stress ist generell ein seelisches Signal für eine Bedrohung», sagt Kaiser. Das gilt vor allem bei anhaltendem Stress. «Ein solcher Dauerstress kann dazu führen, dass das Gehirn aufgrund des ständigen Bedrohungsgefühls sensibler für Schmerzreize wird und kann so das Schmerzempfinden erhöhen», sagt Hermann. Dieses gesteigerte Schmerzempfinden entstehe nicht zuletzt durch die Stimmung, also dem Gestresst-Sein.
  • Negative Gedanken: Auch negative Gedanken können einen Einfluss auf das Schmerzerleben haben. «Rückenschmerzen zum Beispiel treten häufiger auf und werden heftiger wahrgenommen, wenn man sie als unkontrollierbar und bedrohlich empfindet, man sie also eher in einer 'katastrophisierenden' Weise interpretiert», erklärt Hermann. 
  • Hinzu kommt: Wer Schmerzen - egal welcher Art - sehr negativ und bedrohlich wahrnimmt, vermeidet aus Angst, dass es zu den Beschwerden kommt, bestimmte Aktivitäten oder Bewegungen. Dies wiederum könne zu Muskelabbau führen, was wiederum Schmerzen begünstigt.
  • Depressionen: Auch Depressionen können das Schmerzempfinden verstärken, wie Hermann sagt. Vermutlich spielen eine erhöhte Aktivierung von körperlichen Stresssystemen, aber auch die Stimmung eine wesentliche Rolle.
  • Schlafstörungen: Nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft haben bis zu 80 Prozent aller Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen zudem Schlafstörungen. «Wer schlecht schläft, ist schmerzempfindlicher», so Kaiser.

Was hilft Betroffenen mit chronischen Schmerzen konkret?

Pauschale Empfehlungen, was Menschen mit chronischen Schmerzen hilft, gibt es nicht - denn jede und jeder ist anders. «Wichtig ist, sich frühzeitig auf Spurensuche zu begeben und auszuloten, woher die anhaltenden Schmerzen kommen», sagt Kaiser.

Hilfreich kann laut Hermann auch sein, sich bewusst zu machen, wie man Schmerzen bewertet - und ob es für diese Art der Bewertung womöglich Vorbilder gibt, zum Beispiel Angehörige. Auch sollten Betroffene für sich herausfinden, was ihnen dabei hilft, trotz chronischer Schmerzen eine ausgeglichene Stimmung bewahren können - was ihnen also konkret guttut. Konkrete Ansatzpunkte:

  • Weg mit den negativen Gedanken: Um die Angst abzubauen, kann es helfen, negative Gedanken wie «Ich werde nie wieder richtig gesund» oder «Mit mir stimmt etwas nicht» durch neutrale und beruhigende Sichtweisen wie etwa «Der Schmerz ist unangenehm, aber ich kriege das in den Griff und hole mir Hilfe» zu ersetzen.
  • Achtsam sein und akzeptieren: Gegen die chronischen Schmerzen ankämpfen? «Besser ist es, sie wertfrei zu beobachten», sagt Ulrike Kaiser. Über eine Schmerztherapie können Betroffene lernen, die Schmerzen zu akzeptieren. «Dadurch verliert der Schmerz das Bedrohliche.»
  • In Bewegung bleiben: Trotz chronischer Schmerzen sollten Betroffene versuchen, weiter aktiv zu bleiben - sowohl sozial als auch körperlich. «Das Pflegen von Kontakten ist wichtig, um sich selbst abzulenken und um etwas gegen depressive Verstimmungen zu tun», so Christiane Hermann. Es hilft den Teufelskreis aus Schmerz, Angst und Schonung zu durchbrechen, wenn man sich individuell angepasst körperlich bewegt und beispielsweise regelmäßig Pausen einlegt. So lernt die Psyche, dass körperliche Aktivität sehr wohl möglich ist und der Schmerz keine akute Gefahr darstellt.
  • Entspannen: Entspannungsverfahren können helfen, die chronischen Schmerzen auszublenden. «Denn man lenkt die Aufmerksamkeit auf andere Dinge und nimmt zum Beispiel bewusst Wärme oder Kälte wahr oder ob man hart oder weich liegt oder sitzt», so Hermann.
  • Sich selbst wertschätzen: Einfach sich mal hinsetzen und überlegen: Was macht mich eigentlich aus, wo genau liegen meine Stärken, was ist mir in letzter Zeit besonders gut gelungen? «Und sich vergewissern, dass uns mehr ausmacht als die Tatsache, dass wir Schmerzen haben und in bestimmten Dingen eingeschränkt sind», sagt Ulrike Kaiser.
  • Vorbilder suchen: Vorbilder zu haben ist immer gut, wie Christiane Hermann sagt. Solche kann man ihr zufolge häufig in Selbsthilfegruppen finden, wo jeder über seine Befindlichkeit und den Umgang damit erzählt.
  • Therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen: Hilfreich kann gegebenenfalls eine Schmerzpsychotherapie sein. «Patientinnen und Patienten erlernen unter professioneller Anleitung Strategien für den Alltag, um ihre Lebensqualität zu steigern», sagt Ulrike Kaiser. Sinnvoll ist mitunter auch eine interdisziplinäre Behandlung in spezialisierten Einrichtungen mit medizinischen, psychotherapeutischen und physiotherapeutischen Elementen, wie Hermann sagt. Betroffene sollten ihre Ärztin oder ihren Arzt um Rat fragen.

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(25.09.2026)