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Kann eine KI bei psychischen Problemen helfen?


Bild: Hannes P Albert/dpa/dpa-tmn

Fehlende Therapieplätze, lange Wartezeiten und die Frage: Passt es menschlich überhaupt? Wer psychologische Hilfe sucht, ist in Deutschland häufig mit Hürden konfrontiert. Da wirken Chatbots wie Gemini, Claude oder ChatGPT für manche wie ein verständnisvoller Zuhörer für die Hosentasche. 

Studien zeigen, dass viele, insbesondere jüngere Menschen KI mittlerweile als Gesprächspartner sehen, Rat bei ihr suchen, mit ihr über Probleme oder sogar psychischen Erkrankungen sprechen. Doch wie hilfreich sind KI-Tools bei psychischen Problemen wirklich? Wo liegen ihre Grenzen und Risiken? Fragen und Antworten.

Warum wenden Menschen sich bei psychischen Beschwerden an eine KI? 

Wer einen Therapieplatz sucht, muss in Deutschland durchschnittlich 20 Wochen warten, sagt Christiane Eichenberg, Leiterin des Instituts für Psychosomatik an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien. 

Die Psychologin und Autorin des Buches «Künstliche Intelligenz und Psychotherapie» weiß aber auch, dass die Versorgungslücke längst nicht der alleinige Grund für die Beliebtheit von Chatbots ist. «Sie stehen rund um die Uhr zur Verfügung und sind vorurteilsfrei. Wir können mit ihnen kommunizieren, ohne Angst vor Bewertungen und Stigmata haben zu müssen.»

Außerdem erleichtere das Gespräch mit einer Maschine vielen Leuten die Selbstöffnung. «Man hat weniger das Gefühl, gut dastehen zu müssen und kann Gefühle wie Traurigkeit intensiver ausdrücken», so Eichenberg.

Wie unterscheiden sich allgemeine Chatbots und Mental-Health-Anwendungen?

Manche wenden sich mit ihrem Alltagsstress, Gefühlen oder Ängsten an allgemeine Chatbots. Es gibt aber auch KI-basierte Chatbots und Anwendungen, die speziell mit Fokus auf die mentale Gesundheit entwickelt wurden und die Nutzerinnen und Nutzern etwa gezielt dabei helfen sollen, ihre Emotionen zu reflektieren, Ängste zu überwinden oder Stress zu bewältigen.

Im Gegensatz zu allgemeinen Chatbots sind KI-basierte Mental-Health-Programme häufig wissenschaftlich evaluiert und arbeiten auf Basis eines klinisch validierten Behandlungsprotokolls. Das gilt insbesondere für sogenannte Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA).

Die Programme bieten etwa Mini-Therapien an, stellen konkrete Trainingsaufgaben oder führen regelmäßige Stimmungsabfragen durch. «Die Effekte sind laut Studienlage vergleichbar mit denen einer Psychotherapie, wenn die Systeme vier bis acht Wochen genutzt wurden», sagt Eichenberg. Wie stabil und nachhaltig diese Effekte sind, sei jedoch unklar.

Können Chatbots bei psychischen Problemen wirklich helfen?

Ein aufmerksamer, zugewandter und stets verfügbarer Zuhörer: «Für die meisten von uns ist das erst mal attraktiv», sagt Kevin Hilbert, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Health and Medical University Erfurt (HMU). Erste Studien würden nahelegen, dass die Nutzung von künstlicher Intelligenz bei leichten psychischen Belastungen möglicherweise wirksamer ist als gar nichts zu tun. Gerade dann könnten die Systeme helfen, indem sie die Nutzer stärken, ihre Gedanken sortieren und bei der Reflexion unterstützen.

«Erste Studien zeigten auch recht gute Ergebnisse, wenn es um Ängste, hohen Stress oder beginnende depressive Symptome geht», so Hilbert. Insgesamt sei die Studienlage jedoch noch nicht ausreichend, um abschließende Aussagen zu treffen.

Spezialisierte therapeutische Chatbots ließen sich laut Eichenberg besonders sinnvoll als Überbrückung einer Wartezeit oder als Ergänzung zur klassischen Therapie nutzen. «Sie können das Selbstmanagement unterstützen, als Trainingsfeld – etwa für Rollenspiele – dienen oder ein wertvoller Echtzeitsupport in akuten Belastungssituationen sein.»

Wo liegen Grenzen?

«Die Bots sind kein Ersatz für Psychotherapie», stellt Eichenberg klar. Vor allem, weil es ihnen an Intersubjektivität fehle, also der gegenseitigen Reaktion, Irritation und Begrenzung, die bei klassischen Therapien zwischen Patient und Therapeut entstehe.

«Da der Nutzer für ein technisches System keine persönliche Bedeutung hat, fehlt die für korrigierende emotionale Erfahrungen essenzielle Validierung durch ein menschliches Gegenüber», so Eichenberg. Auch seien Chatbots nicht in der Lage, differenzierte Diagnostik zu machen oder komplexe Störungen adäquat zu behandeln.

Gibt es auch Risiken, wenn sich Menschen an KI-Chatbots wenden?

Fehlantworten sind eines der größten und bekanntesten Risiken von Chatbots. «Chatbots sind nicht immer gut darin, die Sicherheitsvorkehrungen umzusetzen. Insbesondere wenn man an Suizidalität oder Risikoverhalten wie das Ausreißen vom Elternhaus oder Drogenkonsum denkt», so Hilbert. 

Außerdem haben Bots die Eigenschaft, ihre Nutzer tendenziell zu bestätigen. Das berge vor allem bei Menschen mit wahnhaften Gedanken das Risiko, dass sich das wahnhafte Erleben früher und stärker herausbilde. «Während bei einer klassischen Psychotherapie das Ziel sein muss, dass die Patienten lernen, gut selbst mit ihren Schwierigkeiten zurechtzukommen, scheinen Chatbots das zurzeit noch nicht gut zu können», so Hilbert. 

KI neigt hier häufig zum Belehren, während professionelle Therapeutinnen und Therapeuten eher darauf hinarbeiten, dass Patientinnen und Patienten eigene Lösungen finden.

Christiane Eichenberg weist zudem auf die Gefahr einer Überbenutzung oder sogar emotionalen Abhängigkeit hin. Daneben kann auch eine Scheinsicherheit entstehen, in der sich Nutzerinnen und Nutzer wiegen, wenn sie meinen, durch einen Bot ausreichend versorgt zu sein: «Hier besteht das Risiko, dass ich meine Probleme verschleppe, statt reale Hilfe in Anspruch zu nehmen», so die Professorin. Nicht zuletzt seien Datenschutzprobleme ein potenzielles Risiko.

Was hilft, wenn man emotional schon sehr mit einem KI-Chatbot verbunden ist?

Manche Menschen haben bereits eine enge Beziehung zu einem Chatbot aufgebaut und wenden sich mit Alltagsfragen und Problemen überwiegend an den KI-gestützten Zuhörer. Wer wieder stärker mit realen Menschen in Kontakt kommen will, müsse zunächst die intensive Nutzung der KI reduzieren, sagt Kevin Hilbert. Im Bereich allgemeiner Alltagsprobleme empfiehlt er, Entscheidungen wieder vermehrt selbst zu treffen. Bei schweren psychischen Störungen sei eine klassische Behandlung empfehlenswert. 

Christiane Eichenberg setzt auf eine gute Balance zwischen KI und eigenem Kopf. «Algorithmen können unterstützen, sollten aber die eigene Reflexion ergänzen, statt zu ersetzen. Sie sind Entscheidungshilfen und keine verbindliche Autorität.»


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(22.06.2026)